Seit Januar waren wir nun in der Karibik unterwegs. Über Tobago, St. Vincent und den Grenadinen, den französischen Antillen, Antigua und Sint Maarten sind wir zu den Bahamas gesegelt. Wir genossen Sonne satt, machten zunächst kaum mehr als ein paar Daysailings zwischen den Inseln und den Atlantik sahen wir nur mal zwischen zwei Inseln oder bei einem Inselrundgang an Luv. Nun sollten wir wieder zurückkehren auf diesen wunderbaren Ozean.
Als Kind, erzählte mir Klaus unlängst, wollte er immer im Nebel verschwinden. Er wagte sich tief hinein nur um festzustellen, dass er leider nicht verschwinden konnte. Nun lockte das Bermudas-Dreieck. Tausende Geschichten ranken sich um verschollene Flugzeuge, Schiffe, Menschen. Zwischen den Bahamas, Florida und Bermuda erstreckt sich das mystische Dreieck, welches wir zusammen mit unserer Freundin Birgit besegeln wollten.
Wir starteten wenige Stunden nach Durchgang einer heftigen Front in Spanish Wells. Die See, die sich an diesem ersten Tag im Dreieck zeigte, lies erahnen, wie es zu den zahllosen Vermisstenmeldungen gekommen sein könnte. Starke Ströme zwischen den Inseln der Bahamas und eine See, die uns und unsere Santana erstmal kräftig durchschüttelte. Gleich zu Beginn schafften wir es nicht, uns von Great Abacco freizusegeln. Bevor wir auf Legerwall geraten würden, entscheiden wir, die 5-m-Wellen abzulaufen und nochmal eine Nacht hinter Great Abacco zu ankern. Eine gute Entscheidung, denn schon am nächsten Morgen hatten die Wellen deutlich nachgelassen und wir konnten unsere Reise nach Bermuda fortsetzen.
Fernab der Inseln wurde die See dann ruhiger und wir segelten bei guten achterlichen Winden gen Bermuda. Unterwegs trafen wir…niemanden! Keine anderen Schiffe weit und breit! Wo waren die alle? WO WAREN WIR? Mutig segelten wir weiter immer tiefer in das Bermuda-Triangle. Die Tage vergingen und es gab keinen Piep über Funk und kein einziges AIS-Signal. Nicht mal unser Radar hatte irgendetwas zu vermelden. Nichts. Stille. Nur Santana und die See. Wir waren verschwunden! Oder doch nicht? Dann die rettende E-Mail von Robbi an Land: ich sehe euch über Fleetmon! Wir waren also noch da 🙂 Und so segelten wir mit durchschnittlich 4-5 Beaufort weiter, hatten einen angenehmen Trip und genossen mit unserer Freundin Birgit den ein oder anderen tollen Sonnenuntergang. Was aber auch deutlich wurde: wir segeln nach Osten! Es wird kalt!!! Zum ersten Mal kramten wir wieder unser Ölzeug heraus und suchten unsere Pullover und Socken. Kleidungsstücke, die seit Monaten in den hintersten Ecken unseres Schrankes verborgen lagen.
Ganz sicher, dass wir nicht im Bermudadreieck verloren gegangen sind, waren wir uns dann an Tag 8 als die ersten Lichter von Bermuda am Horizont auftauchten und nicht etwa den Eingang ins Jenseits kennzeichneten, sondern begleitet wurden von der Begrüßung eines netten Sirs im reinsten Oxford-Englisch über Bermuda-Radio. Nirgends wurden wir so detailliert von einer Port State zu unserem Schiff und unserer Sicherheitsausrüstung befragt. Erst 2 Wochen später sollte sich dieses Interesse der Bermudas an ihren Besuchern zumindest für uns als gut erweisen. 30 Stunden nach Verlassen der Bermudas nämlich sichteten wir eine rote Rakete weit entfernt an Steuerbord. Zu unserem und dem Erstaunen von Bermuda-Radio konnten wir dieses Ereignis noch über VHF melden. Da die netten britischen Beamten gut organisiert waren, konnten wir die Kommunikation schnell auf das Satelliten-Telefon verlagern – die Jungs hatten all diese Daten von uns parat. Per Email und Telefon konnten wir dann genau klären, dass es sich nicht um das Notsignal eines anderen Schiffes in Seenot handelte, sondern um einen SpaceX-Launch. Elon Musk hatte wieder einige Satelliten oder andere Raketen ins All geschickt. Wir waren erleichtert und froh, dass Bermuda-Radio so guten Kontakt zu uns halten konnte.
Nun aber zurück nach Bermuda. Wir kamen am Morgen des 20. April im Hafen von St. George an. Im lieblichen Städtchen machten wir an einer kleinen Holzpier direkt an der Immigration fest, wo ein netter Beamter unsere Leinen annahm und uns begrüßte. Das Einklarieren lief schnell und problemlos und wir fanden direkt vor der Town Hall einen schönen Liegeplatz an einer kleinen Pier. St. George gefiel uns auf anhieb. Alles “very british“ und gar nicht mehr amerikanisch wie in Nassau und Spanish Wells. Wir erwanderten den Ort und fühlten uns ganz wie in England: breite Kamine an den Häusern, Pubs wie das “White Horse“ und gefahren wird links – of course!
Wieder einmal haben wir in der Stadt schnell Kontakte geknüpft und uns sowohl mit dem Marina-Kapitän Marc als auch mit Beddy Ann von der Tourist Information viel ausgetauscht. Mehr durch Zufall landeten wir eines Nachmittags auch inmitten einer sehr offenen Methodisten-Gemeinde und wurden freundlich verpflegt und aufgenommen.
Aber nicht nur die Locals, auch die Segler in St.George bildeten eine außergewöhnliche Gemeinschaft, wie wir sie bisher noch in keinem Hafen erlebt haben. Natürlich trug unser exponierter Liegeplatz dazu bei, viele Pier-Gesprächen mit anderen Crews zu führen. Aber auch die Gemeinschaft an sich war gut organisiert. Gleich am 2. Abend waren wir zu einem Skipper-Treffen im White Horse eingeladen. Einberufen von Odi, dem Kapitän einer israelischen Yacht, saßen hier Crews aus Argentinien, Frankreich, Deutschland und Norwegen zusammen. Alle hatten eines gemeinsam: “Next Stop: Azoren. Wir berieten gemeinsam über die Wettersituation und erzählten uns Seemannsgarn aus den letzten Monaten. Die Gruppe der Azoren-Segler war so nett, dass wir spontan zu einer kleinen Bordparty auf Santana einluden. Wir hatten einen tollen Abend mit einem internationalen Singaround, ganz nationalem Bier und Ti-Punch. Natürlich wurde auch Klausis Geburtstag gebührend mit Sahnetorte gefeiert. Wir hatten hier eine tolle Zeit!
Nachdem wir viel Geld für den Proviant hinblättern mussten (gefühlt kostet hier alles 10 Euro, Brot, Haferflocken, Käse…), bekamen wir wenigstens duty-free Diesel, was die Bordkasse wieder etwas entlastete. Wir bunkerten lieber einen Liter mehr, um am Ende nicht tagelang im Azorenhoch zu versacken.
Am Abend vor der Abfahrt stieg bei mir schon die Anspannung. Wir alle hatten wohl den nötigen Respekt vor dieser Etappe. Einige Tiefdruckgebiete
hingen noch bei Abfahrt nördlich von Bermuda und brachten selbst an ihrem Rand noch Windstärken zwischen 5 und 8 Beaufort. Mit weiteren Tiefs mussten wir rechnen. Am Ende sind wir uns am südlichen Rand dieser Tiefs fast auf direktem Weg gen Azoren vorangekommen und bewegten uns meist auf unserer Lieblingsisobare 1012 hpa, die uns zwischenzeitlich zwar auch ein paar Gewitter brachte, aber eben auch immer guten Wind versprach. Mit kleiner Besegelung fühlten wir uns auch bei 7-8 Beaufort immer gut auf Santana, die die Wellen wie ein großes Schiff nahm. Unser kleiner Schoner stand ununterbrochen wie eine Eins. Ebenso unsere Fock. Das gereffte Großsegel allerdings mussten wir ebenso wie das Toppsegel und das Großstag immer wieder mal bergen und neu setzen. Wir hatten ja eine gute Crew dabei mit der das alles toll ging. Zu zweit hätten wir sicher seltener das Groß wieder hochgezogen oder eben auch viel früher wieder weggenommen. So sind wir aber über große Strecken mit 6 Knoten dahingebraust – immerhin bewegen unsere Segel 28 Tonnen.
Am Ende sollten wir nach 18 Tagen Überfahrt die ersten Umrisse von Faial und vor allem vom Pico sehen. Leider hörten wir von einem anderen deutschen Boot, dass den Mast verloren hatte und zurück nach Bermuda motoren musste und als wir unterwegs noch eine verlassende Rettungsinsel treiben sahen, wussten wir: wir haben es gut gemacht, aber ein bisschen Glück muss man auch haben. Danke, Rasmus, du wilder Meeresgott!
Santana im Dreieck




St. George and Hamilton






Auf zu den Azoren!


