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Ja, es scheint noch etwas früh. Noch haben wir einen großen Trip von den Azoren nach Europa vor uns, aber dennoch habe ich angefangen, die verbleibenden Momente auf dem Meer nochmal so richtig aufzusaugen.

Als heute morgen um 6 Uhr meine Wache begann und ich mit dem ersten Tee auf dem Achterschiff saß, überkam mich die erste Wehmut. Ich fühlte wieder die Wirkung der scheinbar unendlichen Weite des Meeres in mir, die mir innere Ruhe und Zufriedenheit gibt. Für mich ist dieser Ort – umgeben von nichts als Wasser und Himmel – der schönste Ort auf der Welt geworden. Häufig bezeichnen wir alles außerhalb der Reling als unseren Vorgarten und genauso fühle ich es in meinem Herzen: das Meer ist unser zuhause geworden.

Unser wilder Vorgarten

Seit wir Marie Galante verlassen haben – das war im März – haben sich alle weiteren Landgänge für mich verändert. Natürlich war es immer wieder spannend neue Inseln zu erkunden, aber die Tage, die ich das vollen Herzens genießen konnte wurden weniger. Etwas zog mich weg vom Land wieder hinaus aufs Meer. Das Landleben stresste mich zunehmend. Einkaufen, organisieren, kommunizieren, Handy, Blog…Ich war immer froh, wenn wir die Leinen wieder loswarfen oder endlich wieder den Anker hievten und die Inseln hinter uns kleiner wurden. Es stellte sich sofort der Bordalltag ein, der nun meinen Rhythmus bestimmte und mir Ruhe und Kraft gab. Obwohl die Tage auf See gar nicht weniger anstrengend sind als das Landleben – zum Beispiel gibt es viel weniger Schlaf, die ständigen Schiffsbewegungen strapazieren unentwegt alle Muskeln im Körper und die Wetternavigation fordert viel Weitsicht und manchmal Mut – obwohl dies alles auch sehr anstrengend ist, ist es nicht kräftezehrend, sondern gibt Kraft. Ich fühle mich stark, wach, konzentriert und absolut ausgeglichen.

Die meiste Zeit des Tages verbringe ich mit Beobachtungen. Wie stehen die Segel? Wie verändert sich der Wind? Welche Wolken ziehen auf? Wie ist der Luftdruck? Welche Farbe hat das Wasser heute? Was ist dies für ein Vogel? Die See hat meine Wahrnehmung der Umwelt definitiv verändert.

Und nun. Nun sind es noch zwei Monate bis wir wieder in Hamburg sind. Zuhause. Zuhause?

Ich sitze achtern beim Tee, blicke hinaus. Mir kommen fast ein paar Tränen. Ich werde ihn schon sehr vermissen, den Atlantik und gleichzeitig bin ich dankbar für all die schönen Tage hier. Wir werden natürlich wieder kommen, aber ein paar Tage wird das schon dauern. Zum Glück wird er dann noch da sein, der Atlantik und auf uns warten.

Ich habe einen Klos im Hals und etwas Angst davor, wie es wohl wird, das zukünftige Landleben. Natürlich freue ich mich wahnsinnig auf unsere Familie und unsere Freunde und ich versuche auch, mir die Vorzüge des Landlebens vor Augen zu führen, aber ich spüre, dass der Sog des Meeres mich wohl nicht mehr verlassen wird.